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Ein einzelner Zwilling
Es war einmal, keine
tausend Meilen von hier, da lebten zwei kleine Wesen in einer
Gebärmutter. Eines war weiblich und das andere männlich, deshalb
ergänzten sie sich so gut. Sie spielten und tanzten miteinander zu
der Musik des Großen Herzens, die viel lauter und gemächlicher war
als das Pochen ihrer kleinen Herzen. Sie waren sehr glücklich, dass
sie zusammen waren.
Manchmal ging es ihnen auch nicht so gut. Immer wieder kamen Zeiten,
in denen es sich anfühlte, als würde Gift durch ihre Adern gepumpt
und ihnen war sehr übel. In solchen Situationen sprachen sie sich
gegenseitig Mut zu: Wenigstens, wir sind zusammen! Dann kann uns
nichts passieren!
Aber trotzdem, dem kleinen Jungen Gemino ging es immer schlechter.
Seine Schwester Gemina tat, was sie konnte, um ihn aufzumuntern.
Doch als sie eines Tages aufwachte und nach ihm rief, antwortete er
nicht mehr. Sie hörte nicht einmal mehr sein kleines Herz schlagen.
Gemino! rief sie, so sag doch was! Spiel mit mir! Was soll ich denn
ohne dich machen? Aber er antwortete nie wieder und er bewegte sich
auch nicht mehr.
Gemina fühlte sich so allein! Sie hörte nicht auf, mit ihm zu reden,
immer in der Hoffnung, dass er doch endlich antworten würde.
Was habe ich denn nur falsch gemacht? Warum sprichst du nicht mehr
mit mir? Gut, ich weiß, es ging dir wirklich schlecht in letzter
Zeit, aber habe ich denn nicht alles getan, um dir zu helfen?
Oh, die Welt ist so ungerecht! Jetzt werde ich für immer alleine
sein! Schlimmer kann mein Leben gar nicht sein!
Doch es kam noch schlimmer. Es war, als würden die Wände allmählich
immer näher an sie heranrücken. Sie begannen, Geminos Körper, der
immer kleiner wurde, an Gemina heran zu schieben. Sie versuchte,
ihren Bruder zu streicheln und zu liebkosen, aber sie konnte ihn
nicht fühlen. Es fühlte sich an, als sei an seiner Stelle nur ein
dunkles Loch.
Eines Tages passierte etwas, was noch schlimmer war als die
Übelkeitsanfälle. Es hätte sie den Verlust des Bruders fast
vergessen lassen: Die Wände, die sie in letzter Zeit immer mehr
beengt hatten, begannen sie erdrücken zu wollen.
Oh, Gemino, jetzt ist es um mich geschehen. Gleich ist es aus mit
mir! Dann wird von mir auch nur noch ein Loch übrig bleiben.
Hoffentlich treffe ich dich dann wieder.
Gerade, als sie das gedacht hatte, hörten die Wände auf, sie zu
erdrücken. Geminas Herz schlug schnell. Sie konnte sich kaum
beruhigen.
Doch schon starteten die Wände einen neuen Angriff. Würden sie es
diesmal schaffen, sie zu zerstören?
Nein, sie schafften es weder mit diesem noch mit einem der nächsten
Angriffe, die immer schneller hintereinander folgten.
Glücklicherweise wurden diese Angriffe mit der Zeit schwächer, doch
auch Gemina fühlte sich sehr geschwächt. Ihr Herz wurde immer
langsamer und leiser. Gleich werde ich genauso leise sein wie du,
dachte sie, als plötzlich etwas Unerwartetes geschah:
Es war, als ob die Wände, die eben noch so angriffslustig waren,
plötzlich jeglichen Willen verloren und leblos wurden. Auch das
Große Herz schlug plötzlich noch langsamer.
Dann wurde es unendlich hell und die Wände öffneten sich in eine
unbekannte Dimension. Zwei riesige Hände griffen nach Gemina und
zogen sie in Richtung des Lichts.
Es wurde eisig-kalt und Gemina verlor völlig die Orientierung. Nur
an einem Fuß spürte sie noch eine warme Hand, der Rest ihres Körpers
wurde von nichts mehr berührt, nur noch von diesem eiskalten Nichts.
Da schlug ihr eine Riesenhand auf ihren kleinen Popo, was sie so
sehr erschreckte, dass sie den Mund öffnete und diese eisige Kälte
tief in ihre Lungen drang. Es war so schrecklich, dass sie anfing
lauthals zu weinen.
Andere Hände kamen und sie wurde gewaschen und mit etwas ungewohnt
Kratzigem umhüllt. Jetzt war es wenigstens ein bisschen wärmer. Und
das Licht war nicht mehr ganz so hell.
Irgendwann streckte sich ihr etwas Warmes, Rundes, Weiches entgegen,
das wunderbar duftete und genauso klang wie das Große Herz, nur
leiser. Gemina spürte etwas zwischen ihren Lippen und begann
reflexartig daran zu saugen. Eine leckere warme Flüssigkeit drang in
ihren Mund und sie konnte spüren, wie es sie kräftigte. Jetzt wurde
ihr erst bewusst, wie anstrengend alles gewesen war. Erschöpft
schlief sie ein und träumte von Gemino.
Das Leben in dieser neuen Dimension war so ganz anders als alles,
was sie je erlebt hatte. Wenn das warme Weiche sie ab und zu
fütterte, fühlte sie sich geborgen, aber ganz anders als damals, als
sie noch mit Gemino zusammen war.
Gemina erfuhr eine neue Art von Leben, welches Gemino nicht gegönnt
gewesen war. Dafür fühlte sie sich schuldig. Sie hatte
herausgefunden, dass es zwei Stück warmes Weiches gab, von denen sie
trinken durfte, für Gemino und für sie selbst. Der Gedanke schmerzte
sie so sehr, dass sie nicht mehr trank als unbedingt notwendig und
dann lieber einschlief, um von Gemino zu träumen.
Sie schwor sich, dass sie ihr Leben für ihn leben würde, an seiner
Stelle. Sobald sie begann, den Unterschied zwischen Jungen und
Mädchen zu begreifen, verweigerte sie alle Puppen, akzeptierte nur
noch einen großen Teddybären und spielte später am liebsten mit
Spielzeugautos.
Sobald sie es schaffte, mit ihrem Mund unterschiedliche Laute zu
bilden, begann sie in einer selbst erfundenen Sprache mit Gemino zu
reden. Seine Antworten konnte sie in ihrem Kopf wahrnehmen.
Ihre Mutter freute sich, dass sie sich so schön alleine beschäftigen
konnte, aber eigentlich spielte sie die ganze Zeit mit Gemino, indem
sie sich vorstellte, was er jetzt wohl machen würde.
Die Beziehung zu ihrer Mutter war sehr innig. Manchmal wurde es ihr
zu viel, dass diese sich die ganze Zeit mit ihr beschäftigte und ihr
keine Möglichkeit ließ, auch einmal etwas selbst auszuprobieren.
Aber sie beschwerte sich nicht. Sonst hätte ihre Mutter sie nachher
auch noch im Stich gelassen. Sie sagte auch nicht, wie sehr sie
unter den Zigaretten litt, die ihre Mutter immerzu rauchte. Lieber
entwickelte sie einen allergischen Schnupfen, mit dem sie Mitgefühl
erlangen konnte.
Nach drei Jahren brachten ihre Eltern sie in ein Krankenhaus und
ließen sie dort allein. Der Arzt sagte, er würde ihr die Mandeln
herausoperieren, aber sie verstand gar nicht, was er meinte. Als die
Eltern sie endlich wieder abholten, war sie froh. Jetzt tat ihr das
Schlucken gar nicht mehr weh und sie begann kräftig zu essen. Für
Gemino und für sich. Aber das nützte ihm gar nichts. Sie wurde nur
immer dicker.
Als Gemina größer wurde, versuchte sie, Gemino in den
Familienverbund zu integrieren, aber ihre Eltern konnten ihn gar
nicht sehen und verstanden gar nicht, was sie wollte.
Eines Tages sagte die Mutter, ich glaube unsere Tochter ist nicht
richtig im Kopf. Ich glaube, sie unterhält sich mit eingebildeten
Spielkameraden. Wenn das nicht besser wird, müssen wir sie zum
Kinderpsychologen schicken.
Wie furchtbar! Welch eine Drohung! Schon wieder sollte Gemina
weggeschickt werden!
Sie klagte Gemino ihr Leid. Er nahm sie in den Arm und sagte, ich
möchte nicht, dass du meinetwegen leiden musst. Ich lasse dich jetzt
allein, weil ich dich liebe.
Danach sah sie ihn nie mehr wieder.
Es wurde immer schwieriger, sich an Gemino zu erinnern. Doch Geminas
Entschluss, ihr Leben für Gemino zu leben, zog sie durch. Im
Kindergarten und in der Schule spielte sie lieber mit Jungen als mit
Mädchen. Sie setzte auch durch, dass sie keine Röcke und Kleider
anziehen brauchte und zu Karneval verkleidete sie sich als Cowboy
oder Indianer. Sie fühlte sich wie ein Junge, gefangen in einem
Mädchenkörper.
Eigentlich konnte sie gar nicht verstehen, warum die Anderen Gemino
nicht hatten sehen können. Manchmal war sie sogar unsicher, ob man
sie überhaupt sehen konnte. Es passierte oft, dass Andere an ihr
vorbeigingen und sie gar nicht wahrnahmen.
Mit 15 ging Gemina in die Tanzschule und verliebte sich in ihren
Tanzpartner. Das verunsicherte sie sehr, denn sie dachte, ich bin
nicht nur ein Junge, gefangen in einem Mädchenkörper, sondern ich
bin auch noch schwul.
Und doch war es sehr schön, mit ihrem Freund zusammen zu sein.
Manchmal saßen die beiden einfach nur schweigend beieinander und
genossen die Nähe. Oft wollte der Freund aber auch Sex mit ihr
machen. Das war zwar nicht so, wie es ihr gefallen hätte, aber egal,
wenigstens sie konnte seine Nähe spüren. Sie war ganz sicher, dass
es die große Liebe war und dass sie zusammen bleiben würden, bis
dass der Tod sie scheidet.
Nach ein paar Jahren war es gar nicht mehr so schön, aber sie wäre
nie auf die Idee gekommen, ihm das zu sagen, aus Angst er könne sie
verlassen.
Angeregt von ihrem Freund begann Gemina, sich für Computer zu
interessieren. Bald programmierte sie besser als alle seine Freunde.
So beschloss sie, nach dem Abitur Informatik zu studieren. Sie zog
in eine andere Stadt in eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern, in der
sie sich immer unwohl fühlte, weil sie stets dachte, in dem anderen
Zimmer ist jetzt niemand.
Sie lernte einen Mitstudenten kennen, der im Studentenwohnheim ein
10qm-Zimmer bewohnte. Da war es schön.
Sie schlief neben ihm in seinem 90 cm schmalen Bett und genoss seine
Nähe. Nur nachts wachte sie manchmal auf und vergewisserte sich,
dass er nicht aufgehört hatte zu atmen.
Mit ihrem ersten Freund hatte sie noch gar nicht Schluss gemacht.
Erst, als sie sich sicher war, dass der neue Freund bei ihr bleiben
wollte, stellte sie den alten vor vollendete Tatsachen und verließ
ihn aus heiterem Himmel.
Nach drei Jahren verließ sie auch den neuen Freund ohne Vorwarnung,
weil sie das Gefühl hatte, dass er fremdgegangen sei.
Schon nach einer Woche hatte sie einen neuen Freund.
Eigentlich wollten die beiden erst heiraten, wenn sie beide zu Ende
studiert hätten, doch da starb plötzlich Geminas Vater, was ein
großer Schock für sie war. Um ihren Freund nicht auch noch zu
verlieren, heiratete sie ihn so schnell wie möglich.
Die beiden lebten eine sehr symbiotische Beziehung. Der Mann bat
sie, den Kontakt zu ihren Freunden aufzugeben, was sie ihm zuliebe
tat. Sie zog auch mit ihm in ein anderes Land und sie sorgten dafür,
dass sie Tag und Nacht zusammen waren.
Er überredete sie, mit ihm eine Ausbildung zum Berufspiloten zu
machen und da zu der Zeit gerade keine Informatiker eingestellt
wurden, kam ihr das gerade recht.
Wir werden nie erfahren, welches Trauma der Mann in seinem Leben
erfahren hatte, jedenfalls verlor er manchmal die Kontrolle über
sich und schlug Gemina. Hinterher entschuldigte er sich und
versprach, es nie mehr wieder zu tun. Gemina glaubte und verzieh ihm
jedes Mal, denn diese Qual war geringer als die Einsamkeit, die sie
ohne ihn erlebt hätte.
Es dauerte sehr lange, bis sie die Kraft hatte, auch ihn in einer
Nacht-und-Nebel-Aktion zu verlassen.
Danach wollte sie nie wieder eine Beziehung eingehen, aus Angst so
etwas wieder zu erleben.
Wenn die Sehnsucht nach Nähe übermächtig wurde, fand sie immer einen
Freiwilligen, der bereit war, ihr körperliche Nähe ohne weitere
Verpflichtungen zu geben.
So strichen die Jahre ins Land. Gemina wurde immer unglücklicher,
bis sie durch Zufall in die Praxis einer Homöopathin kam. Die gab
ihr ein Mittel, das ihr Leben schlagartig veränderte.
Das erste, was sich änderte, war ihre Einstellung zu ihrem Beruf.
Sie hatte jetzt doch einige Jahre als Informatikerin gearbeitet,
aber eigentlich machte ihr das Programmieren gar keinen Spaß. Eines
Tages blickte sie in den Spiegel und sah sich in ihrem teuren grauen
Business-Anzug. Chic bist du, sagte sie zu sich, wie dein Papa. Da
fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: ihr Leben lang hatte sie
versucht sich zu beweisen, dass sie ein guter Junge gewesen wäre.
Doch alles war nur Verkleidung.
Die ganze Arbeit mit den größtenteils männlichen Kollegen, die alle
nur Ellenbogen gegeneinander einsetzten, wurde ihr plötzlich
zuwider. Sie kündigte und erlernte einen neuen, dritten Beruf, in
dem sie mehr mit Menschen und weniger mit stumpfer Logik zu tun
hatte.
Irgendwann begegnete ihr der Mann, den sie schon immer gesucht
hatte. Es war wie eine tiefe, ganz alte Liebe zwischen den beiden.
Er wohnte in einer anderen Stadt und sie sahen sich selten. Dafür
telefonierten sie täglich lange miteinander. Am liebsten saßen die
zwei zusammen in der Badewanne und lasen sich gegenseitig vor.
Eigentlich fühlten sie sich eher wie Bruder und Schwester als wie
Liebhaber, aber das war auch schön.
Er formulierte die ungewöhnlichsten Gedankengänge und freute sich
wie ein Schneekönig, wenn sie seine Sätze beendete.
Es fiel ihr schwer, ihr kleines Städtchen zu verlassen und in seine
Stadt zu ziehen. Kaum hatte sie sich dazu durchgerungen zu ihm zu
ziehen, passierte die große Katastrophe:
Er erlitt einen Schlaganfall und fiel ins Koma.
Drei Wochen fuhr Gemina täglich zu ihm ins Krankenhaus, setzte sich
neben sein Bett und erzählte ihm Geschichten. Aber er bewegte sich
nicht.
Es war nicht sicher, ob er sich wieder völlig bewegen können würde,
selbst wenn er wieder aufwachte. Das wäre so furchtbar für ihn! Er
hatte sowieso gesagt, dass er niemals mit Geräten künstlich am Leben
gehalten werden wollte.
Als die Ärzte ihr sagten, dass keine Hoffnung mehr bestand, stimmte
Gemina zu die Geräte abzuschalten. Ihre Homöopathin begleitete sie
mit einem gut gewählten homöopathischen Mittel, das es ihr
ermöglichte, das Sterben ihres Freundes ganz bewusst erleben zu
können und Frieden zu finden.
Niemand hätte gedacht, dass mit diesem Mittel nicht nur der frische
Schmerz vom Verlust ihres Freundes geheilt wurde, sondern auch der
so alte Schmerz über den Verlust des Bruders.
Denn die Existenz des Bruders hatte sie völlig vergessen. Weil Gemina viel weniger unter dem Verlust litt, als sie meinte, dass es
sein müsse, meldete sie sich zu einem Selbsterfahrungskurs an.
Durch die Technik dieses Kurses, verbunden mit einer
Familienaufstellung, gelang es ihr nach einem Jahr sich darauf zu
besinnen, dass sie einen verlorenen Zwilling gehabt hatte.
Diese Erkenntnis gab ihr so viel Erleichterung. Endlich verstand
sie, warum sie so war, wie sie war. Endlich hatte sie die Wahrheit
entdeckt.
Und von da an lebte sie glücklich bis an ihr Lebensende.
Dieser Text entstand nach der Lektüre des Buches „Der verlorene Zwilling – Wie
ein vorgeburtlicher Verlust unser Leben prägen kann“ von Evelyne
Steinemann.
(http://www.koesel.de/Detail.asp?isbn=346630717)
Natürlich ist die Geschichte von Gemina fiktiv. Doch beim Schreiben
hat sie mich so bewegt, als sei sie meine eigene.
Bensheim, 2. Dezember 2008 Gabriele Ermen
Ein weiterer Literaturtipp: „Das Drama im Mutterleib – Der verlorene
Zwilling“,
von Alfred R. Austermann und Bettina Austermann, Königsweg-Verlag
(http://ifosys.de/koev/verlorener
zwilling.htm)
Die beiden Bücher haben viele Gemeinsamkeiten, ergänzen sich aber
auch teilweise.
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